Bindung und Beziehung im Hundetraining
Im Andenken an meine wunderbare Seelenhündin Sira
Ich dachte immer, ich gebe meinen Hunden alles – rückblickend tut mir leid, wie falsch ich lag.
Als 7-jähriges Mädchen zog Niki bei uns ein. Mein erster Hund, was war das schön! Schnell sagte man in unserem Umfeld: „Wenn ich nochmal auf die Welt komme, werde ich Hund bei den Spitzers!“ Gemeint war, Niki hatte es scheinbar paradiesisch: Sie bekam täglich frisch gekochtes Fleisch, durfte aufs Sofa, war ständig bei uns. Sie schien rundum verwöhnt und bestens versorgt.
Heute weiß ich: Ich habe damals und auch als junge Erwachsene überhaupt nicht verstanden, was Hunde wirklich brauchen. Ich dachte, solange ich sie liebe, bei ihnen bin, sie gut füttere und darauf achte, dass sie gesund bleiben, hätte ich alles richtig gemacht. Was Bindung wirklich bedeutet, dass Hunde genauso wie wir Menschen mehr und vor allem auch emotionale Bedürfnisse haben, einen sicheren Hafen suchen und sich vor allem nach verlässlicher Nähe sehnen, war mir damals nicht klar.
Ich kannte es aus meiner eigenen Kindheit schlicht nicht anders. „Erziehung“ war bei uns häufig mit Strafen verbunden, Liebesentzug, Ignoranz und gelegentlich auch Gewalt gehörten dazu, wenn wir Kinder nicht „funktionierten“. Leider hatte ich einiges davon auch unbewusst in meine Hundeerziehung übernommen – nicht weil ich grausam sein wollte, sondern weil ich es schlicht nicht besser wusste.
Niki 1975 – 1984 ❤️
Und dann kam Sira
2006 zog sie bei uns ein, ein wunderschönes graues Schäferhund-Mädchen mit trauriger Vorgeschichte. Meine vierte Hündin. Sie war dreieinhalb Monate alt und hatte bis dahin kaum etwas von der Welt gesehen. Sie hatte keinen Namen, kannte keine Autos, keine Hunde, keine Straße, nichts – nur einen kargen Zwinger mit Hofauslauf und eine nervöse, permanent bellende Hundemutter.
Ich dachte, ich wüsste, wie man einen Hund erzieht – immerhin hatte ich Jahrzehnte Erfahrung. Aber Sira brachte mein Wissen und mich schnell an unsere Grenzen. Hundeführerin sein? Mit klaren Regeln und strengen Ansagen erziehen? Das alles funktionierte mit Sira nicht. Sie reagierte auf jede Bewegung hektisch, bellte vorbeifahrende Autos panisch an und explodierte regelrecht, wenn andere Hunde auftauchten. Mein Alltag wurde zunehmend zur Belastung – und Sira zeigte mir täglich, wie sehr sie eigentlich litt.
Ich suchte verzweifelt Hilfe bei unterschiedlichen Hundeschulen und Trainern. Aus einer Hundeschule flogen wir raus. Sira sei den anderen nicht zumutbar. Immer wieder hörte ich die gleichen Ratschläge: „Mehr Konsequenz zeigen!“, „Sie muss spüren, wer das Sagen hat!“ oder „Du musst sie einfach stärker ablenken.“ Doch nichts half – weder Leckerlis noch harte Disziplin. Ganz im Gegenteil, ich begann zu begreifen, dass das, was ich für Konsequenz hielt, für Sira eher Bestrafung war und ihr noch mehr Angst machte. Und ich selbst wurde immer hilfloser.
Ein dramatischer Wendepunkt kam, als Sira einen anderen Hund in ihrer Not so stark verletzte, dass dieser starb. Ich war völlig am Boden zerstört. Ich verstand, dass alle bisherigen Trainingsmethoden versagt hatten und ich Sira und mir etwas vorgemacht hatte. Ich dachte sogar ans Aufgeben. Wusste nicht mehr weiter.
Aber ich gab nicht auf – mein Herz konnte das nicht. Ein letztes Mal suchte ich Hilfe, dieses Mal mit anderen Vorzeichen: keine Härte, kein „Durchsetzen“, sondern ein Perspektivenwechsel. Ich lernte, was Bindung wirklich bedeutet. Ich lernte, dass Sira aus Angst und Unsicherheit handelte und nicht aus Dominanz oder Aggression. Ich merkte wie sehr mich dieser Perspektivenwechsel an meine Arbeit mit bindungsgestörten Menschen erinnerte und verstand plötzlich auf eine neue Weise.
Ich warf Halsband und Flexileine weg, tauschte sie gegen Hundegeschirr und Schleppleine und begann zum ersten Mal, meinen Hund wirklich zu sehen und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. Es ging nicht darum, sie „ruhigzustellen“ oder ihren Willen zu brechen, wie ich es in meienr Kindheit gelernt und auch von Hundetrainern sooft gehört hatte – sondern darum, ihr Sicherheit und Halt zu bieten.
In den drei letzten Jahren ihres Lebens haben wir so viel gelernt – vor allem voneinander. Wir fanden endlich Vertrauen, Nähe und vor allem Ruhe in unserer Beziehung. Wir waren nicht perfekt, doch zum ersten Mal fühlte es sich richtig an. Trotz Rückschlägen und manch schwieriger Tage wussten wir: Wir gehören zusammen und begegnen uns auf Augenhöhe. Ich habe Sira so sehr geliebt, mein chaotisches, unglaubliches Mädchen. 🥹
Sira 2006 – 2014 ❤️
Bindung entsteht nicht durch Regeln, Kommandos oder Strenge.
Bindung entsteht, indem du deinem Hund Orientierung und Sicherheit gibst, seine Bedürfnisse verstehst und achtest, ihn so annimmst, wie er ist, und ihm zuhörst. Jeder Hund sehnt sich nach einer sicheren Beziehung – so wie wir Menschen auch. Akzeptanz und die Individualität deines Hundes zu respektieren sind entscheidend für eine stabile und liebevolle Beziehung, in der Veränderung und Wachstum möglich sind.
Und genauso wichtig wie das Wohlbefinden des Hundes ist deine eigene Selbstfürsorge als Mensch. Denn nur wer gut für sich selbst sorgt, kann auch gut für seinen Hund sorgen. Du bist der Anker, der Ruhepunkt, der sichere Hafen, den dein Hund so dringend braucht.
Ich hätte mir damals eine Hundetrainerin gewünscht, die wirklich einen Blick für uns hat – für Sira UND mich. Für unser beider Bedürftigkeit. Jemand, der uns versteht, keine voreiligen Dominanz-Schlüsse zieht oder unsere Probleme durch gutgemeinte Ratschläge herunterspielt. Diese Haltung hat zur Gründung der STRESSTRAINERINNEN geführt.
Sira hat mich auf eine besondere Weise vorbereitet. Vorbereitet auf eine Hündin mit noch schwerwiegenderen Problemen. Meine jetzige Hündin, Kira, ist schwer traumatisiert und hochsensibel – meine Lernerfahrungen aus dieser Beziehung teile ich gerne mit dir in einem der nächsten Blogartikel.
Wenn du eintauchen möchtest in die Welt von Bindung und Beziehung,
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Bindung und Beziehung im Hundetraining
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