Zerrissenheit im Hundetraining
– und wie wir wieder Brücken bauen können
Vieles hat sich verändert – und das ist gut so!
Ich bin seit knapp 50 Jahren „Teil der Hundeszene“.
Phu – das klingt, als wäre ich schon uralt. Tatsächlich kam mein erster Hund in unsere Familie, als ich sechs Jahre alt war. Seitdem hat mich diese besondere Beziehung nie mehr losgelassen.
Die Perspektiven auf Hunde und ihr Training haben sich über die Jahrzehnte stark verändert. Ich war Freundin in Kindertagen, Hundemama seit meinen frühen Zwanzigern, später Trainerin und schließlich auch Ausbilderin für Therapiehundeteams und andere Hundetrainerinnen.
Und ich beobachte: Die Hundeszene hat sich aufgespalten.
Wie auch in der Welt der Psychotherapie, die ich als Psycho- und Traumatherapeutin gut kenne, entwickelt sich das Wissen ständig weiter. Heute wissen wir – nicht zuletzt dank intensiver Forschung –, wie ähnlich uns Hunde in ihrer sozialen und emotionalen Struktur sind.
Und doch:
Die Gräben im Hundetraining scheinen tiefer denn je.
- Leckerlis oder nicht?
- Konsequenz oder Wattebausch?
- Positive Verstärkung oder klare Grenzen?
- Bindung oder Autorität?
- Fühlen oder Training?
Was denn nun?
Wer hat recht?
Und wohin führt uns dieser ewige Wettstreit eigentlich?
Assya und ich 1991 ❤️
Warum diese Zerrissenheit so belastet
Vielleicht geht es dir ähnlich:
Manchmal fühlt es sich an, als müsste man sich entscheiden. Als gäbe es nur ein richtig oder falsch. Als sei Hundetraining ein Kampfplatz, auf dem die eigene Haltung ständig verteidigt werden muss.
Doch was steckt eigentlich hinter dieser Zerrissenheit?
Oft sind es nicht nur fachliche Unterschiede, die Gräben entstehen lassen. Es sind Emotionen. Es sind Werte. Es sind persönliche Erfahrungen, die uns geprägt haben.
Manche von uns haben erlebt, wie Hunde, oder gar sie selbst mit harter Hand erzogen wurden – und haben sich geschworen, es anders zu machen.
Andere wiederum haben gesehen, wie Unsicherheit und Grenzenlosigkeit Hunde überfordert haben – und möchten Orientierung schenken.
Jede dieser Erfahrungen ist wertvoll.
Und jede bringt eine wichtige Facette mit in unsere Arbeit.
Wenn wir verstehen, dass Emotionen, Bedürfnisse und individuelle Geschichten hinter den unterschiedlichen Ansätzen stehen, verlieren wir den Blick füreinander nicht so schnell. Dann geht es nicht mehr um richtig oder falsch, um Urteil und Recht haben, sondern um ein tieferes, gegenseitiges Verstehen:
➡️ Was braucht dieser Mensch?
➡️ Was braucht dieser Hund?
➡️ Und wie kann ich beide begleiten, ohne mich selbst in Grabenkämpfen zu verlieren?
Hundetraining ist keine Einbahnstraße.
Es ist ein lebendiger Dialog zwischen Mensch, Hund – und Trainerin.
Und dieser Dialog wird reicher, wenn wir die Vielfalt der Perspektiven nicht als Bedrohung, sondern als Einladung verstehen.
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Wenn Extreme verletzen – mein persönlicher Blick
Natürlich:
Mein eigenes Herz bleibt bei diesem Thema nicht unberührt.
Es gibt Momente, in denen mich die Gräben und Extreme in der Hundeszene tief triggern und verärgern.
Wenn ich etwa Videos sehe, in denen gestresste Hunde mit Stachelhalsbändern geführt werden – und dann höre, wie Trainer behaupten, der Hund müsse „spüren, dass er nicht das Sagen hat“.
Da wird ein völlig überforderter, resignierter Hund als „entspannt“ dargestellt.
Wie falsch – wie übergriffig – ist das gegenüber diesem fühlenden Wesen?
Und wie unfair auch gegenüber den Menschen, die auf eine echte, respektvolle Beziehung zu ihrem Hund hoffen?
Genauso schwer fällt es mir, wenn auf der anderen Seite verkürzt wird:
Wenn ich lese, dass Training eigentlich gar nicht nötig sei.
Dass der Mensch einfach „nur“ sich selbst spüren müsse, dann würden sich alle Probleme in Luft auflösen. Weil ja angeblich der Mensch allein seinen Stress auf den Hund überträgt und dadurch alles verursacht.
Ja – Hunde nehmen unsere Stimmung wahr.
Und ja – besonders sensible Hunde reagieren noch stärker darauf.
Aber Menschen pauschal verantwortlich zu machen, ihnen unterschwellig Schuld zuzuweisen für jedes Verhalten ihres Hundes?
Das ist nicht nur unfair – es ist auch einseitig und wenig hilfreich, auch wenn es zielführend ist, zu verstehen, wie wir unsere eigene hohe Erregung regulieren.
Hunde sind eigenständige soziale Wesen mit eigenen Bedürfnissen, Prägungen und manchmal auch Traumata – wie wir auch. Ihr Verhalten ist niemals nur ein Spiegel des Menschen – es ist auch Ausdruck ihrer ganz eigenen Welt.
Wenn wir Menschen sagen: „Beruhige dich selbst und löse deine eigenen Probleme, dann muss dein Hund kein Problemverhalten mehr zeigen“ – dann übersehen wir, wie komplex Bindung, Lernen und Emotionen wirklich sind.
Und wir nehmen sowohl den Menschen als auch den Hunden etwas sehr Wertvolles: das Recht, in ihrer Individualität gesehen und respektiert zu werden.
Brücken bauen statt Gräben vertiefen
Was wäre, wenn wir eine neue Haltung entwickeln?
Eine Haltung, die sowohl den Hund als auch den Menschen ernst nimmt.
Eine Haltung, die weder verharmlost noch verurteilt.
Was wäre, wenn wir aufhören würden, in Extremen zu denken – und stattdessen Brücken bauen?
Hundetraining ist keine Religion, in der es nur eine Hoheit und Wahrheit gibt.
Es ist Beziehungsarbeit.
Es ist ein Dialog, der geprägt ist von Respekt, Empathie und Fachwissen.
Ein Training, das echte Veränderung bewirken will, braucht beides:
➡️ Die Bereitschaft, den Menschen als Partner zu sehen – nicht als Störfaktor.
➡️ Die Bereitschaft, den Hund als fühlendes Individuum zu respektieren – nicht als Objekt, das funktionieren soll.
Es braucht fachliches Können und menschliche Wärme. Klarheit und Einfühlungsvermögen. Verbindlichkeit und Flexibilität.
Manchmal braucht ein Hund klare Führung, weil er sich sonst in Unsicherheit verliert. Manchmal braucht ein Mensch Unterstützung, weil er unter der Last seiner Selbstzweifel zusammenzubrechen droht.
Es gibt nicht die eine Lösung.
Es gibt so viele Wege, wie es Hund-Mensch-Teams gibt.
Und genau deshalb sollten wir uns hüten, vorschnell zu urteilen.
Sondern vielmehr neugierig bleiben:
➡️ Was braucht dieses Team?
➡️ Was stärkt ihre Beziehung?
➡️ Was hilft ihnen, gemeinsam zu wachsen?
Brücken bauen bedeutet:
Nicht entweder – oder zu denken, sondern sowohl – als auch.
Sowohl klare Strukturen als auch liebevolle Bindung.
Sowohl Fachwissen als auch Herz.
Sowohl Raum für den Menschen als auch Raum für den Hund.
jugendliche Kira 2017 💞
Was du aus dieser Zerrissenheit für dich mitnehmen kannst
Vielleicht magst du dir heute einen Moment Zeit nehmen und dich fragen:
✨ Wo spüre ich selbst manchmal innere Zerrissenheit im Hundetraining?
✨ Wo merke ich, dass mich extreme Haltungen oder Urteile unter Druck setzen?
✨ Und wo wünsche ich mir mehr Raum – für differenzierte, respektvolle Begegnungen mit Hund und Mensch?
Es ist völlig in Ordnung, sich nicht auf eine „Seite“ schlagen zu wollen.
Es ist sogar eine große Stärke, die Vielfalt der Perspektiven zu würdigen und den eigenen Weg bewusst zu gestalten – einen Weg, der sich auf Fachwissen und Herz gleichermaßen stützt.
Gerade in einer Zeit, in der oft schnelle Meinungen und harte Urteile vorherrschen, braucht es Trainerinnen, die innehalten, die differenzieren und die mutig genug sind, eigene Antworten zu finden.
Ein Hundetraining, das auf Verbindung und Vertrauen basiert, ist kein Kompromiss.
Es ist der Königsweg.
Ein Weg, der nicht nur nachhaltiger wirkt, sondern auch wissenschaftlich gut belegt ist.
Was die Forschung zeigt
➡️ Hunde sind hoch soziale, fühlende Wesen, die emotionale Zustände ihrer Bezugspersonen wahrnehmen und darauf reagieren können.
➡️ Training über positive Verstärkung fördert nicht nur Lernfreude und Kooperationsbereitschaft, sondern schützt auch das emotionale Wohlbefinden von Hunden.
➡️ Sichere Bindungen zwischen Hund und Bezugsperson wirken co-regulierend: Sie helfen dem Hund, Stress abzubauen, Ängste zu bewältigen und Vertrauen in neue Situationen zu entwickeln.
Wenn du noch tiefer eintauchen möchtest – hier eine kleine Auswahl von Studien und Literatur:
📚 Hunde als fühlende Wesen
Yong, M. H., & Ruffman, T. (2014). Emotional contagion: Dogs and humans show a similar physiological response to human infant crying. Behavioural Processes.
Quaranta, A., et al. (2020). Emotion recognition in dogs: The role of voice and context. Animal Cognition.
📚 Positive Verstärkung im Training
Rooney, N. J., & Cowan, S. (2011). Training methods and owner–dog interactions: Links with dog behaviour and learning ability. Applied Animal Behaviour Science.
Hiby, E. F., Rooney, N. J., & Bradshaw, J. W. S. (2004). Dog training methods: their use, effectiveness and interaction with behaviour and welfare. Animal Welfare.
📚 Bindung und Coregulation
Horn, L., Huber, L., & Range, F. (2013). The importance of the secure base effect for domestic dogs – evidence from a manipulative problem-solving task. PLoS ONE.
Gácsi, M., Topál, J., Miklósi, Á., Dóka, A., & Csányi, V. (2001). Attachment behavior of adult dogs (Canis familiaris) living at rescue centers: Forming new bonds. Journal of Comparative Psychology.
Verbindung statt Trennung – auch im eigenen Weg
Hundetraining ist lebendig, bunt und vielfältig.
Und manchmal auch herausfordernd, wenn wir uns zwischen Extremen und Erwartungen wiederfinden.
Vielleicht ist genau das unsere Einladung:
Einen eigenen Weg zu finden, der Wissen und Herz verbindet.
Einen Weg, der sowohl dem Hund als auch dem Menschen gerecht wird.
Einen Weg, der auch uns selbst Raum für Entwicklung und Mitgefühl lässt.
Wenn du diesen Weg weitergehen möchtest, begleite uns gerne:
In der Stresstrainerinnen-Community findest du kostenlose Materialien und Impulse, die dich unterstützen. Und in unserer Fortbildung „Bindung & Beziehung“ tauchen wir gemeinsam noch tiefer in die Welt sicherer Beziehungen und co-regulierender Begleitung ein.
Ich freue mich auf alles, was wir gemeinsam bewegen können.
Deine Franziska
Die Stresstrainerinnen
Bindung und Beziehung im Hundetraining
